Die Taufe – sie könnte doch so einfach sein!

 „Siehe, da ist Wasser; was hindert´s, dass ich mich taufen lasse?“ (Apg 8,37) Diese Frage stellt der äthiopische Kämmerer dem Philippus. – Die kurze Vorgeschichte: Philippus wird vom Engel des Herrn zu dem Kämmerer gerufen, der sich auf der Rückkehr von einer Anbetungszeit mit der Bibelstelle Jes 53 beschäftigt, in der von einem schlachtbereiten Schaf die Rede ist. Philippus fragt, ob er verstünde, was er da liest. Der Kämmerer verneint und bittet um Erklärungshilfe. Philippus predigt ihm daraufhin das Evangelium. – Der Kämmerer also lässt sich taufen, Philippus wird wieder entrückt und der Kämmerer zieht fröhlich weiter seines Weges. Das war´s. Das ganze Geschehen wird nicht länger als 20, 30 Minuten gedauert haben. Alles wirkt so unverkrampft, natürlich, spontan und frei. Beneidenswert! Doch so einfach diese kleine Begebenheit auch daherkommt, so schwer tun wir uns oft damit, es ebenso zu handhaben, wenn jemand sich taufen lassen will. Warum eigentlich?

 

Eine menschliche Entscheidung auf immer und ewig?

 Wir Baptisten betonen, dass bei der Taufe vor allem der Mensch bewusst, willentlich und aktiv ja sagt zu dem Angebot Gottes, das Leben noch einmal neu mit Gott anzufangen. Befreit von Hoffnungslosigkeit, Angst und Verzweiflung und reingewaschen von belastender Schuld. Dieses „Ja“ ruft der Täufling in der Taufe vor allen Anwesenden und voller Freude in die ganze Welt hinaus. Doch dann grübeln wir: Ab wann hat ein Mensch eigentlich genug verstanden von Gott, seinem Angebot und sich selbst, dass er den Schritt der Taufe guten Gewissens gehen kann? Wie viel an Wissen, Verständnis und Mündigkeit ist Minimum? Wann ist der rechte Zeitpunkt für die Taufe?

 Um diese Fragen zu klären, nimmt der Täufling oft monatelang an Vorbereitungskursen teil. In dieser Zeit soll er ausgiebig prüfen, ob er wirklich bereit ist für die Taufe. Außerdem finden Vorgespräche statt, die den Glauben des Taufanwärters auf seine „Richtigkeit“ abklopfen sollen. Die Gefahr bei diesen Vorkursen und Vorgesprächen ist, dass ein angemessener Glauben schnell daran festgemacht wird, ob der Taufanwärter eine bestimmte Sprache verwendet, um seinen Glauben auszudrücken. Und die Gefahr ist, dass vor allem Außenstehende die Frage nach einem angemessenen und ausreichenden Glauben beim Täufling beurteilen sollen. Zu den mitunter quälerischen Selbstprüfungen des Anwärters treten also Angst und Nervosität hinzu, weil dieser sich fragt, was für ein Urteil über seinen Glauben die anderen fällen werden.

 Hinzu kommt: Da die (baptistische) Taufe nach gängiger theologischer Überzeugung einmalig und unwiederholbar ist, bekommt die Taufentscheidung etwas ungemein Schwermütiges und Erdrückendes. Die Frage, ob man bereit sei für die Taufe, wird unendlich schwierig. Und so manches Gemüt schiebt daher die eigene Taufe immer wieder auf. So ließen sich in den ersten Jahrhunderten nach Christus nicht wenige erst auf ihrem Sterbebett taufen, weil sie davon ausgingen, dass es nach der Taufe nach einer weiteren Sündentat für sie keine Möglichkeit mehr gäbe, Gottes Gnade zu erlangen. Auch heutzutage behaupten einst mündig getaufte Menschen im höheren Alter hin und wieder, dass sie damals eigentlich noch nicht bereit waren für die eigene Taufe, nun aber der rechte Zeitpunkt dafür gekommen sei. – Hätte sich der äthiopische Kämmerer wohl so leichtfertig taufen lassen, wenn er das alles gewusst hätte?

 

 Unterwegs mit Gott! 

Die Vorstellungen – die Taufe sei vor allem menschliches Entscheidungshandeln und sie sei einmalig – sind verkürzt und unbarmherzig, weil sie die menschliche Realität nicht genug in Rechnung stellen: Christliche Existenz ereignet sich immer wieder neu im Dialog und in Wechselwirkung zwischen Gott und Mensch. Sie ist stets in Bewegung, verändert und entwickelt sich prozesshaft. Manchmal geht es dabei auch „zurück“. Es ist unmenschlich, wollte man erwarten, mit der Taufe sei alles am Menschen getan oder dieser hätte alles getan, was das christliche Leben ausmacht. Als ob der Mensch im Moment der Taufe zum „perfekten“ Christen umprogrammiert werde, fortan mit vollkommender geistlicher Erkenntnis erfüllt sei und sich ab dann stets seiner christlichen Existenz gemäß verhalten würde. Ich erinnere an dieser Stelle an Luthers „Biest“, den alten Adam, der bei der Taufe ersäuft wird, aber anschließend immer wieder seine Schwimmfähigkeit unter Beweis stellt!

 Der Mensch also er- und begreift Gottes Heilshandeln nach und nach. Die Taufe und ihre Vorbereitungszeit sind kein Spießrutenlauf, den man bibbernd zu durchstehen hat, sondern ein sichtbarer, fröhlicher und bewusst gesetzter Anfangspunkt auf dem Weg des Glaubens. In ihr nimmt der Mensch am göttlichen Heilshandeln teil, ist sich durchaus den Grenzen seiner eigenen Erkenntnisfähigkeit bewusst und lässt sich ausrüsten und stärken auf seinem Lebensweg. Und den geht der Kämmerer nach seiner Taufe auch fröhlich weiter – allerdings nun ganz bewusst mit Gott. So einfach ist das! Was hindert´s also, dass du dich taufen lässt?

 

Es sagt Amen und grüßt herzlich Ihr und Euer Pastor Parvis Rahbarnia.