2022 – Wie eine offene Tür

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. So lautet die Losung des neuen Jahres 2022 aus dem Johannesevangelium (Joh 6,37). Gott lädt uns Menschen in Jesus ein, zu ihm zu kommen. „Wenn Gott doch keinen abweist, warum kommen dann so wenige zu ihm?“ So fragen sich vielleicht viele Leserinnen und Leser dieses Gemeindebriefes, von denen sich wohl die meisten zu den „Frommen“ zählen. Die Gründe, warum Menschen nicht zu Gott kommen, sind vielfältig und können hier nicht alle aufgezählt werden. Zwei wesentliche Gründe aber seien genannt.

Zum einen haben viele Menschen ein verzerrtes Gottesbild. Gott ist derjenige, der mit harten, moralischen Forderungen an Menschen herantritt, skeptisch jede Form der Selbstverwirklichung beäugt und am Ende diejenigen verdammt und ihnen mit ewigen Höllenstrafen droht, die nicht gehorsam sind. Daher haben diese Menschen Angst vor Gott. Sie empfinden ihn als Bedrohung, verstecken sich vor ihm und meiden ihn wie die Pest. Die meisten aber haben mit solch einem pedantischen Quäl- und Kleingeist schon längst abgeschlossen, nehmen ihn nicht ernst und winken nur müde ab. Schuld an diesem bis heute existierenden Gottesbild haben gerade die Frömmsten unter den Frommen, die in seinem Namen ihre Mitmenschen knechten und Macht ausüben – zumeist, weil sie sich selber klein und ungenügend fühlen und voller Angst, Enttäuschung und Verbitterung sind. Mit diesen Frömmsten der Frommen hat Jesus, wie es die Bibel berichtet, sein Leben lang und darüber hinaus, gerungen. Und gewissermaßen gegen die Frömmsten aber für die Verschüchterten hat Jesus diesen Satz gesagt, der 2022 als Losung gilt.

Zum zweiten verstehen viele Menschen nur zu genau, wie Gott ist und meiden ihn genau deswegen: Für sie ist Gott wie ein Spiegel, in dem sie sich selbst erkennen mit all ihren Ängsten und Komplexen. Sie sehen, wie sie ihr Leben tagtäglich oft mit Belanglosigkeiten vertun oder es verbocken in Furcht vor der Freiheit und der Weite, die Gott Ihnen mit ihrem Leben geschenkt hat. Sie ertragen die Erkenntnis nicht, dass sie ein Leben unterhalb dessen führen, was den Namen „Leben“ verdient. Sie verstehen Gott zu Recht (!) als das Gegenteil von dem, was er für die Verschüchterten von eben ist: als große Freiheit und Lebendigkeit, die in die Selbstverantwortung führt und dadurch zu lieben befähigt. Ja, echte Freiheit macht Angst! Diese Menschen verbleiben daher beständig im Kleinen, Uniformierten, Langweiligen und Verwalteten. In der Masse, wo sie so sind wie alle, wo man ihnen alles vorgibt und wo sie nicht eine selbstverantwortliche Persönlichkeit sein müssen, die auch mal gegen den Strom schwimmt. Zu diesen Menschen gehören übrigens oft die Frömmsten unter den Frommen, für die Gott nichts weiter ist als eine bestimmte Form christlicher Moral und die eine echte Begegnung mit Gott bzw. eine Begebung mit dem echten Leben meiden. Auch diesen Überforderten nun gilt der Satz der Jahreslosung.

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Dieser Satz ist eine Verheißung. Er verheißt Gott als Schoß der Geborgenheit, in dem neues Leben beginnt. Den Verschüchterten sei im Rückblick auf Weihnachten gesagt: Gott ist Liebe und Leben. Er richtet nicht zugrunde, er richtet auf. Er zerstört nicht Leben, er erschafft es. Den Überforderten sei gesagt, auch im Rückblick auf Weihnachten: Gott zeigt sich im menschlichen Angesicht. Er bejaht, dass Menschen im Leben wachsen dürfen, dass ihr Selbstbewusstsein langsam heranreift und dass das Leben nicht im Sturm erobert werden muss. In Jesus hat Gott diese Entwicklung von innen heraus, von Kind auf an durchlebt.

Für das neue Jahr 2022 soll gelten: Komm, mach dich auf den Weg zu Gott. Hab keine Angst. Die Tür ist offen und Jesus geht mit. Auf zum Leben!

 

Es sagt Amen und grüßt herzlich Euer Pastor Parvis Rahbarnia