Schafft Raum für Gott!

Oft fordern Prediger die Zuhörer in Gemeinden genau dazu auf: Raum zu schaffen für Gott. Ich finde, solche Aufforderungen klingen eigentlich doch recht anmaßend: Als wenn Gott es nötig hätte, dass wir Menschen Ihm Raum verschaffen. Tatsächlich ist dieses Denken, dass Gott sich in dieser Art vom Menschen abhängig macht, extrem narzisstisch, also selbstverliebt und ganz sicherlich selbstüberschätzend. Dieses Denken findet sich zwar als notwendige Stufe in der seelischen Entwicklung kleiner Kinder. Und es spielt in religiösen Glaubensvorstellungen uralter und „primitiver“ Stammeskulturen eine Rolle. – So erfahren wir beispielsweise in Hesekiel 43-44, dass Gott in seiner Herrlichkeit einzieht in das zuvor von den Israeliten eigens für Ihn gebaute Heiligtum; ein Tempel, dessen Osttor nach der Inbesitznahme zugeschlossen bleiben soll, damit Er nicht „entwischen“ kann?! Gott unter Kontrolle! – Aber uns heutigen, religiös aufgeklärten Menschen zaubert solch eine magische Vorstellung eher ein mildes Lächeln auf die Lippen. Denn in der Regel glauben wir: Wenn Gott irgendwo sein möchte, dann hält Er dort auch Einzug. Punkt! Gott ist auf unsere Zustimmung und die Bereitstellung etwaiger Räumlichkeiten genauso wenig angewiesen, wie wir darauf, dass ein Bauer in China bemerkt, wie gerade einer seiner Reissäcke umfällt.

„Doch!“ wird hingegen von vielen Menschen behauptet, die in eiserner Beharrlichkeit darauf bestehen, dass Gott die menschliche Freiheit respektiere. „Doch! Gott macht sich abhängig davon, dass wir als Menschen Ihm Raum schaffen. Er überrumpelt und vergewaltigt uns ja nicht. Wenn der Mensch nicht will, bleibt Gott eben draußen. Denn Gott ist ja ein Gentleman.“ Und so haben wir Gott doch wieder durch einen theologischen Trick wie einen Talisman in unsere Taschen zurück „gezaubert“. Wir müssen also nur wollen und schon ist er da. Also wieder: Gott unter Kontrolle! – Also was denn jetzt? Ist Er jetzt nur da, wenn wir wollen und Ihm dafür Raum verschaffen? Oder ist Er immer nur dann da, wenn Er selbst es will?

Gottes Gegenwart ist für uns Menschen zu so einem komplizierten Fall geworden, weil wir Ihn oft noch durch die getrübten Augen des gefallenen Geschöpfes wahrnehmen. Wir können Gott dann in unserem alltäglichen Leben nicht entdecken, weil wir in den alten Mustern der Angst, Hoffnungslosigkeit und Resignation gefangen sind. Gott jedoch hat die ganze Welt geschaffen mit allem, was darin ist. Nichts hätte bestand und alles würde auf der Stelle zerfallen, wenn Gott seinen Lebensgeist entziehen würde und Er nicht mehr präsent wäre. Er ist daher nicht vielleicht hier oder da in der Welt zu finden. Und es gibt auch keine Türschwelle, die zwei Räume voneinander trennt: Ein Drinnen mit Gott, und ein Draußen ohne Ihn. Er ist Herr über das All. Und daher ist Gott auch über-all. Genau dies hat Jesus seinen Jüngern stets ermutigend vorgeführt. Sinngemäß: „Macht die Augen auf und seht: Da ist Gott! Das ist Gott!“ Eine wahrhaft mystische Einstellung. Im 77. Spruch des apokryphen Thomasevangeliums sagte Jesus einmal: „Ich bin das Licht, das über allen ist. Ich bin das All; das All ist aus mir hervorgegangen, und das All ist zu mir gelangt. Spaltet das Holz, ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr werdet mich dort finden.“

„Schafft Raum für Gott!“ Das kann also nur in dem Sinne gemeint sein, dass wir uns wieder neu bewusst machen, dass Gott schon längst da ist. Noch lange bevor wir das überhaupt wissen oder spüren. Und dass Gott im Leben eines Jeden und einer Jeden zu finden ist, wenn er oder sie nur Augen und Ohren dafür öffnet. Als Jünger Jesu glauben wir wie Jesus Christus an die Gegenwart Gottes. Wir sind von Ihm berufen, unseren Mitmenschen zu verhelfen, Gott in ihrem Leben zu entdecken. Ganz sachte, auf respektvoll zuhörende Art, versteht sich! Damit auch diese ganz bewusst Raum schaffen – für Gott.

 

 © Parvis Rahbarnia